Livereview: Bolt Thrower - Malevolent Creation
                      Nightrage - Necrophagist
20. Januar 2006, Wil (SG) - Remise
By Rockslave (rsl) & Kissi (kis)
Den englischen Stahlbolzen entdeckte ich eigentlich (erst spät) mit dem Album "Mercenary" von 1998 und deshalb wuchs auch mein Interesse an dieser Death Metal Institution (für den Begriff Legende braucht es noch ein paar Jährchen, aber das kommt schon noch Freunde!), da sie früher noch vermehrt auf das Gaspedal traten und nicht so zugänglich waren. Mittlerweile dominieren die heissgeliebten und verhältnismässig meist tempogedrosselten Riffwalzen, die für gewisse Fans vielleicht etwas gleichförmig daher kommen, aber wer sich Bolt Thrower mal an einem solchen Ort wie der Remise angehört hat, kann nicht mehr genug davon bekommen. Das ist der ultimative Death Overkill! Nur Candlemass im Keller des Zürcher Dynamo (13.04.03) können das von der Intensität her noch toppen! Als bekannt wurde, dass dieses hammerharte 4er-Package nebst hier in Wil etwas später, genauer am 1. Februar, auch in Pratteln im Z7 gastieren würde, fiel die Entscheidung nicht schwer und so machten sich Kissi und ich händeringend natürlich auf in die Ostschweiz und wir sollten unseren notabene ersten (!) Besuch in Wil trotz des langen Heimwegs nicht bereuen. Einige hier nicht näher benannte Personen aus dem Freundeskreis werden sich zudem noch eine ganze Weile in den Allerwertesten kneifen müssen, weil sie diesen Mega-Event verpasst haben! Vor dem Headliner traten also nicht weniger als drei Bands auf und jede vermochte Akzente zu setzen. Was sich später in Pratteln als unzureichend herausstellen sollte, war gerade die Stärke der viel kleineren Remise, doch genug lobgehudelt! Lest hierzu unsere Eindrücke dieser unvergesslichen Death Metal Night im Einzelnen! (rsl)

Necrophagistnecrophagist06.jpg (12363 Byte)
Bei schon fast proppenvoller Remise enterten um circa 20.00 Uhr die Jungs von Necrophagist die eher kleine Bühne, um ein hoch anspruchsvolles Death Metal Gewitter zu entfesseln, das so manchen Kopfschüttler in Staunen versetzte. Die äusserst kurze Spielzeit von 30 Minuten nutzten die Deutschen voll aus und verloren so gut wie keine Zeit mit irgendwelchen Ansagen, verzichteten (fraglicher Weise) sogar darauf, ihren eigenen Namen zu erwähnen. Zwar feierte das Publikum das Quartett schon ziemlich euphorisch ab, dennoch verhinderte der verschachtelte und rhythmisch wechselhafte Todesblei der Dream Theater des Death Metal die ganz grossen (später noch folgenden) Reaktionen des Publikums, das aus dem Staunen manchmal gar nicht mehr heraus kam. Bedingt durch diese Instrumental-Höchstleistungen wirkten die Necrophagisten leider des Öfteren ziemlich statisch, was man ihnen beim Anblick des mit allen (!!!) Fingern spielenden Bassisten oder den Flitzefingern der beiden Saitenhexer jedoch sofort wieder verzeihte. Letzterer (Andreas Münzner) sah sich inzwischen leider gezwungen, die Band aus persönlichen Gründen zu verlassen und so suchen die talentierten Deutschen momentan einen ebenbürdigen Ersatz, vielleicht ja einen Schweizer. (kis)

Nightrage
Endlich war der Zeitpunkt da!!! Seit dem Debüt ("Sweet vengeance") der schwedisch/griechischen Combo Nightrage im Jahre 2003 wartete ich sehnsüchtig darauf, die Band endlich mal live erleben zu dürfen. Wegen terminlichen und finanziellen Gründen dauerte es dann geschlagene drei Jahre, bis sich die Melodic Death Metal Jungstars auf den europäischen Bühnen präsentieren konnten. Und bei ihrem ersten Auftritt in der Schweiz präsentierten sich die Jungs äusserst spielfreudig, allen voran der neue Mann hinter dem Mikro, der seinem Vorgänger Thomas Lindberg (Ex-At The Gates, Disfear) ohne Probleme das Wasser reichen konnte und sich bestens in die Band eingelebt zu haben scheint. Die Freude, welche die Mannen um Bandchef und Gitarristen Marios Illiopulos ausstrahlten, sprang denn auch auf die Meute vor der Bühne über und so verschmolzen alle Zuschauer zu einem einzigen Moshpit, was die Musiker wiederum weiter anspornte. Dabei wurden hauptsächlich Nummern des 2005 erschienenen Zweitlings "Descent into chaos", wie der Opener "Being nothing", "Poem" oder "Frozen", aber auch ältere Songs wie "Ellusive emotion" oder der Schlusshappen "The tremor". Ein gelungener erster Gig in der Schweiz, der Lust auf mehr machte und mit dem sich die Nachtwütenden sicherlich einen ganzen Haufen neuer Fans erspielt haben dürften. (kis)

Malevolent Creation
Was schreibt man über eine Band, die man soweit nur vom Namen her kennt und keine einzige CD von ihnen im Regal stehen hat? Nun..., man kann sich ganz unbefangen dem widmen, was einen akustisch wie optisch präsentiert wird. Nachdem der Grossteil der Fans sich bereits zu Nightrage vor der Bühne eingefunden hatten, brauchte es eigentlich wenig, um die kollektive Raserei wieder ausbrechen zu lassen. Und in der Tat: Kaum bretterten Malevolent Creation los, verwandelte sich die Remise abermals in ein Tollhaus. Die Amis aus Florida haben eine bewegte Geschichte und viele Besetzungswechsel hinter sich. Das zeigte auch der heutige Abend, denn der sonst kurz geschorene Sänger Kyle Simmons hatte plötzlich eine wehende Matte auf der Rübe und der deutlich jünger erscheinende Bassist passte auch nicht zu den Bildern auf der Homepage von MC. Nun ja..., ist ja eigentlich egal, denn als Sprache einer Band gelten in erster Linie deren Songs und die repräsentierten alles, was man sich aus diesem Genre gewohnt ist. Der Sound klang roh und ungehobelt und wurde meist mit thrashiger Note runter geholzt. Dann und wann besann man sich auch auf fette Slow-Mo-Riffs, die noch mehr zum Headbangen animierten. Überhaupt hatten die Aktivitäten vor der Bühne beängstigende Formen angenommen. Da wurde schon fast übelst gepogt und rumgeschubst, dass die Leiber nur so hin und her zuckten. Unglaublich, dass sich dabei niemand ernsthaft verletzt hatte, aber MetallerInnen sind in solchen Situationen (wie auch sonst!) solidarisch untereinander und jeder gestrauchelte Fan wurde binnen Sekunden wieder auf die Beine geholt, was angesichts der kollektiven Raserei auch nötig war! Derweil bretterten Malevolent Creation ihren Set gnadenlos runter und auch wenn der Sänger (wenn es denn Kyle Simmons war) öfters den Eindruck eines angestochenen Schlachtschweins vermittelte, war die Resonanz der Publikums schlicht umwerfend. Aber das war ja noch nicht alles, denn jetzt war die Zeit reif für Bolt Thrower, den freudig erwarteten Headliner. (rsl)

Bolt Thrower
Auch auf die Gefahr hin, jetzt ein paar KollegenInnen abermals zu nerven: Es war sowas von göttlich, dass ich jetzt noch ins Schwärmen gerate, wenn ich an diesen geilen Abend zurück denke. Und wieder kam ich zum ersten Mal an einen Konzert-Ort, von dem ich nur vom Hörensagen her was wusste und hinterher nicht unerwartet einen total anderen Eindruck gewann. Die Remise thront unscheinbar vor einem riesigen Industrie-Turm auf sowas wie einem Hügel, wenn man auf dem unteren Parkplatz steht und nach oben schaut. Drinnen herrschte eine bedrohliche Enge, die durch zusätzliche, grosse Tücher (mit dem alten Skull-Motiv von Bolt Thrower), links und rechts an der Wand befestigt, ausgelöst wurde. Vorne dann die kleine Bühne, die mit dem wohl soweit "normalen" Stage-Equipment komplett zugepfercht war. Die Fotos zeigen das eindrücklich. Und dann war es soweit: Die sympathischen Deather aus dem vereinigten Königreich enterten die Bühne und kurz darauf brach in der Remise ein höllisches Inferno aus. Von Anfang an wehte ein fetter und alles zermalmender Sound daher, der die kultige Location in ihren Grundfesten erschütterte. Nach dem Intro folgten mit "At first light" und "Entrenched" gleich die ersten zwei Tracks vom neuen Hammer-Album "Those once loyal". Rückkehrer Karl Willetts und seine Hintermannschaft wurden von den Fans frenetisch empfangen und dieser freute sich darüber wie ein Honigkuchenpferd. Obwohl sein Vorgänger Dave Ingram beileibe keinen schlechten Job, zum Beispiel auf dem Album "Honour-Valour-Pride" und auch sonst abgeliefert hat, ist Karl für viele eingefleischte Verehrer von Bolt Thrower einfach der einzig wahre Shouter und das kam voll rüber. So nahm das Konzert seinen Fortgang und jeder Song war schlicht ein Volltreffer. Mit "Anti-tank (dead armour)" und "The killchain" wurden zwei weitere neue Tracks gespielt, die sich optimal neben den alten Klassikern wie "Mercenary" oder "Powder burns" bewährten. Während von uns aus gesehen, also unten im Foyer, unmittelbar vor der Bühne, der Moshpit völlig am Durchdrehen war, machten Kissi und ich derweil den Balkon mit heftigstem Abschädeln unsicher! Man konnte gar nicht anders, als sich der mörderischen Soundkulisse willenlos auszuliefern. Welch ein Genuss für Unsereins, der den Metal-Virus in sich und in die Welt hinaus trägt. Gleiches kann man auf Bolt Thrower ummünzen, die unter anderem auch noch den Titeltrack "Those once loyal" zum Besten gaben. Die engen Platzverhältnisse verunmöglichten allerdings den Einsatz von opulentem Licht mit dem obligaten Schwall an massig Trockeis, aber die agile Performance der ganzen Band machte das locker wieder wett. Die Stimmung befand sich durchgehend auf dem Siedepunkt und die Helden des Abends wurden laustark abgefeiert. Als das Konzert nach etwas weniger als 70 Minuten zu Ende war, kam dies einer Erlösung gleich, denn zahlreiche Leiber (und mein seither dahin modernder Nacken sowieso!) brauchten dringend Erholung! Es kann mit ziemlicher Sicherheit vorausgesagt werden, dass Bolt Thrower nach Wil zurück kehren werden und wer sich das dann (allenfalls wieder) entgehen lässt, ist schlicht selber schuld! Ürrrrgggghhhhh... (rsl)

Set-Liste: "At first light", "Entrenched", "Mercenary", "Anti-tank", "World eater", "Cenotaph", "The killchain", "Powder burns", "Those once loyal", "No guts, no glory", "IVth crusade", "When cannons fade" und dann kam meiner Meinung nach zusätzlich noch "Contact - wait out", das nicht auf der Set-Liste stand.